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Okzident und Orient
Die Faszination des Orients im langen 19. Jahrhundert

Klaus-Werner Haupt

In siebzehn Kapiteln werden neunzehn Persönlichkeiten des langen 19. Jahrhunderts vorgestellt, deren Texte, Bilder und Erfindungen deutlich machen: Okzident und Orient sind nicht zu trennen.

Christian Heinrich Heineken

Christian Heinrich Heineken

Klaus-Werner Haupt

Das „Wunderkind von Lübeck“

Im 18. Jahrhundert stand der Name der Hansestadt Lübeck für „das Wunderkind von Lübeck". Christian Heinrich Heineken, ein jüngerer Bruder von Carl Heinrich von Heineken, wurde am 6. Februar 1721 in der Lübecker Königstraße geboren. Da die Mutter das Kind nicht selbst stillen konnte, wurde das Kind der Amme Sophie Hildebrandt anvertraut. Im Alter von zehn Monaten konnte der Säugling auf Platt die Bilder von Wohnzimmertapete und Ofen benennen: den Turm, das Schäfchen, eine Katze und mehr. 

 Christian Heinrich von Heineken (1826)
Christian Heinrich von Heineken (1826)

Es gab keinen Zweifel, das Kind  war hochbegabt! Christian erhielt einen Hauslehrer. Der Untermieter Schöneich trug seinem Schüler zunächst die Bücher Moses vor. Weitere biblische Geschichten folgten. Als Einjähriger gab Christian auf Hochdeutsch einzelne Verse des Alten Testaments und ungezählte Kirchenlieder wieder. Bald kannte er auch das Neue Testament. Auf Kopfdruck konnte er sein Wissen auf geografischem und historischem Gebiet unter Beweis stellen. Außerdem beherrschte Christian die Grundrechenarten.

Im Alter von zwei Jahren konnte er Geschichte auf Französisch memorieren und verfügte über lateinisches Vokabular. Ein illustriertes Lateinbuch wurde sein Lieblingsbuch. Im dritten Lebensjahr stand die Geschichte Dänemarks und anderer europäischer Länder auf dem Programm: mit gemalten Bildern, mit Versprechungen und allerlei Geschenken. Diese „noble" Methode würde man heute als „Gummibärchenpädagogik" bezeichnen ...

Die Kunde von dem kleinen Gelehrten eilte durch halb Europa. Christian konnte deutsche und lateinische Texte lesen, aber zum Schreiben waren die Finger zu schwach. Im Mai 1724 fesseln ihn Verdauungsstörungen erneut ans Bett. Christian – inzwischen drei Jahre alt – ernährte sich ausschließlich von der Milch seiner Amme. Offenbar fehlte ihm nichts weiter als frische Luft. Der Lehrer schlug dem abgemagerten Jungen vor, eine Seereise zu unternehmen. Christian wünschte sich einen Besuch beim dänischen König. Eilig wurden seine Karten zur dänischen Geschichte in Druck gegeben und ausgemalt. Am 24. Juli traf die kleine Gesellschaft – der Lehrer Schöneich, die Amme Sophie, Christian, seine Schwester und die Mutter – in Kopenhagen ein. Sie nahmen nahe dem Schloss Quartier. Die Schar dänischer Bewunderer riss nicht ab, denen der Junge seine Kunststücke vorführen musste. Nach dem Wechsel des Quartiers verbesserte sich sein Gesundheitszustand vorübergehend. Nun waren es die Hofdamen, die er nach Lust und Laune unterhielt. Ungeduldig erwartete Christian die Audienz beim dänischen König. Am 9. September 1724 wurde der Dreijährige angekleidet, am Abend empfing die königliche Familie das „Lübeckische Kind" auf Schloss Fredensborg. Das hielt eine lange Rede und durfte die Hand Seiner Majestät küssen. Nachdem Christian von der Amme gestillt worden war, verblüffte er König Frederik IV. mit seinem Wissen in dänischer Geschichte. Der examinierte ihn anhand des erhaltenen Bildbandes. Frederik IV. vermutete die Ursache der körperlichen Schwäche des Kindes in seiner geistigen Überforderung. Das bewahrte den Jungen nicht vor weiteren Auftritten bei Hofe. Am 7. Oktober verließ die Gesellschaft Schloss Fredensborg und segelte Richtung Travemünde.

Vor der Reise hatte sich bereits der Gelehrte Johann Heinrich von Seelen, Rektor des Katherineums, von der außergewöhnlichen Begabung des Wunderkindes überzeugt. Am 23. Januar 1724 reiste Georg Philipp Telemann, damals Musikdirektor der Hansestadt Hamburg, nach Lübeck. „Wahrlich, wenn ich ein Heide wäre, ich fiele nieder und betete dieses Kind an!", soll er beim Abschied ehrfurchtsvoll gesagt haben.

Nach seinem vierten Geburtstag wurde das Kind von der Amme entwöhnt. Christian nahm nun gekochte Milch mit Semmel an. In der Folgezeit häuften sich seine Schwächeanfälle. Am 27. Juni 1725 – im Alter von vier Jahren, vier Monaten und 21 Tagen – verstarb er an einer damals unbekannten Erkrankung der Dünndarmschleimhaut (Zöliakie). Die Beisetzung Christian Heinekens erfolgte in der Katharinenkirche. Die Stadt Lübeck errichtete ihm keinen Grabstein, aber der Dichter Theodor Storm setzte ihm in der Novelle Der Schimmelreiter (1888) ein literarisches Denkmal. Auf die Bemerkung Haukes, die Deiche taugten nichts, lacht ihm sein Vater Tede Haien ins Gesicht: „Was denn, Junge? Du bist wohl das Wunderkind aus Lübeck!"

 

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Quellen:

Der vierjährige Gelehrte. Eine Monographie von Heinrich Asmus. In: Hamburger literarische und kritische Blätter. Hrsg. F. Niebour. Hamburg 1851, Band 27, S. 287 ff.

 

Leben, Thaten, Reisen, und Tod eines sehr klugen und sehr artigen 4jährigen Kindes Christian Heinrich Heineken aus Lübeck. Beschrieben von seinem Lehrer Christian von Schöneich. Göttingen im Verlag der Witwe Vandenhoek 1779.

 

Abbildungsnachweis:

( 1 ) Christian Fritzsch. Kupferstich von  Christian Heinrich von Heineken (1826) nach einem allegorischen Porträt von Johann Harper mit Versen von Johann Heinrich von Seelen, Rektor des Lübecker Katherineums

http://portraits.hab.de/werk/16437/