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Luther im Himmel

Das jünste Gericht

Christoph Werner

Der große Reformator steht vor dem jüngsten Gericht; er ist angeklagt, auf Erden wahrhaft unchristlich gehandelt zu haben, da er Hexen, Juden und andere Gegner zu ersäufen oder zu pfählen empfahl. Nun muss er sich vor Gott rechtfertigen, warum er gegen das biblische Gebot der Nächstenliebe verstoßen habe.

Wir Lübecker Löwen

Wir Lübecker Löwen

Bianca Geurden

Sonnenlicht sprenkelte auf die Turmspitzen des Holsteiner Tores und versuchte die Reste des Nebelmorgens zu vertreiben. In der Ferne bahnte sich das erste Kreischen von Kindern, vermengt mit den Stimmen ihrer zur Ruhe mahnenden Eltern, an. Aus Erfahrung wusste ich, dass in wenigen Minuten die übliche Zeit begann, an der die Menschen die Haustür verließen und mit Rucksäcken bepackt sogenannte „Sightseeing-Touren" unternahmen. Also legte ich mich auf meinen Sockel und bettete meinen Kopf auf die vorderen Pranken. Mit einem letzten Blick auf meinen Bruder, der gleich gegenüber von mir lag und mich nachdenklich betrachtete, schloss ich die Augen. Es dauerte nur eine Stunde, bis die ersten Grüppchen auf die kleine Parkanlage vor dem Holstentor strömten und die Löwenstatuen besichtigten. Und weitere fünf Minuten verstrichen, ehe ich eine quengelnde Stimme zu meinen Füßen vernahm: „Mama, warum sind hier zwei Löwen?"

„Das sind die Lübecker Löwen, das Wahrzeichen von Lübeck, Melanie." Ein Rascheln erfolgte, dem ich entnehmen konnte, dass die Mutter des Mädchens eine Seite in ihrem Reiseführer umschlug. „Sie symbolisieren die Entstehung der Löwenstadt, einer Stadt, die Heinrich der Löwe im Jahr 1158 gründen wollte, sozusagen als Gegensatz zu Lübeck. Allerdings scheiterte das Projekt, weil die Löwenstadt unzugänglich für größere Schiffe und damit nicht gewinnbringend war."

Anders als die Mutter, die in ihre Lektüre vertieft war, hatte das Mädchen, Melanie, keine Lust auf eine Geschichtsstunde und versuchte sich mit ihren kleinen Fingern an meinem Sockel hochzuziehen. Schon patschten Hände auf meinen Bauch.

„Melanie, lass das!"

„Ich will aber auf dem Löwen reiten!" Reiten? Innerlich schnaubte ich verdrießlich. Es war wirklich dreist, mich, ein prächtiges, erhabenes Tier, mit einem Pferd zu verwechseln. Immerhin war ich aus Eisenguss gefertigt und schon 190 Jahre alt! Wieder vibrierte die Stimme des Mädchens unangenehm in meinen Ohren, als die Mutter es etwas unsanft von mir herunter holte, während im gleichen Moment ein Paar an meinen Bruder herantrat. „Schau mal, die habe ich schon auf einem Plakat gesehen. In der Broschüre steht, die Löwen seien Mitte des 19. Jahrhundert von dem Kaufmann und Kunstsammler Johann Daniel Jacobi bei dem Bildhauer Christian Daniel Rauch in Auftrag gegeben. Der erste Guss in der Königlichen Preußischen Eisengießerei entstand dann 1824."

„Und was macht man privat mit solchen Riesenstatuen?", hakte die Freundin nach. Ich stellte mir vor, wie sie gerade zu meinem wachenden Bruder empor schaute und seine dichte Mähne bewunderte. „Anscheinend vor die Haustür stellen, denn die Löwen zierten bis zu seinem Tod das Wohnhaus in der Großen Petersgrube 19. Danach wurden sie von dem Weinhändler Pflüg übernommen und vor die Eingangstreppen seines Hotels, dem Hotel Stadt Hamburg am Klingenberg, aufgestellt. Kannst du dich erinnern? In unserem Seminar haben wir einmal die Buddenbrooks durchgenommen, in dem Buch kommt das Hotel auch vor. Früher war es die nobelste Absteige in ganz Lübeck, sogar Thomas Mann selbst und Stefan Zweig haben dort einmal übernachtet."

„Und warum gibt es das heute nicht mehr?"

„Weil es im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Zum Glück haben die Beiden hier die Bombennacht Palmarum von 1942 überlebt. Wäre ja auch zu schade, wenn nicht. Als der Holstentorplatz nach dem Krieg wieder aufgebaut war, wurden die Statuen dann vor das Tor verfrachtet."

„Da machen sie sich auch wirklich gut." Ich fühlte mich geschmeichelt und stieß ein leises, behagliches Schnurren aus. Immerhin diese Zweibeiner würdigten sowohl, was wir durchgemacht hatten, als auch unsere majestätische Präsenz. Das Paar unterhielt sich noch einige Momente über privatere Dinge, vor denen ich gern meine Ohren verschlossen hätte, und zog dann weiter über die Grünfläche zur Marienkirche. Ich beschloss, mich weiteren Tourismus-Gesprächen zu verschließen, und sank in einen tiefen, steinernen Schlaf.

„He, wach auf!" Etwas drückte in meine Magenleiste; das Gefühl bohrte sich bis zu meinen Träumen über saftige Gazellen und riss mich zurück in die Welt der Lebenden. Langsam hob ich den Kopf und schaute mich um. Es war dunkel geworden, der Mond stand bereits hoch &uumuuml;ber den Zinnen der Marienkirche. „Bist du jetzt endlich wach?" Irritiert blickte ich hinunter zum Fuße des Sockels und entdeckte meinen Bruder, der gerade dazu ansetzte, erneut mit seiner Schnauze in meinen Bauch zu stupsen. „Was soll das? Lass mich gefälligst schlafen!", fuhr ich ihn an.  

„Hast du vergessen? Wir wollten doch zu unseren anderen Brüdern vor dem Burgtor."

„Sie sind nicht unsere Brüder!"

„Warum denn nicht? Nur weil ein anderer sie erschaffen hat?"

„Nein, nicht nur weil dieser Fritz Behn sie für irgendein Gut bei Parchim erbaut hat. Sie sind einfach viel zu jung für uns."

„99 Jahre sind doch nicht jung, du bist einfach nur alt und stur geworden."

„Wenn du meinst. Ich finde trotzdem, dass keinerlei Ähnlichkeit zwischen uns und denen herrscht. Bereits ihr Aussehen ..."

„Meine Güte, sie sind aus Bronze gegossen, da ist es nicht verwunderlich, dass sie etwas bläulich sind."

„Und damit weit zerbrechlicher sind als wir", fügte ich mit einem leichten Grinsen hinzu, „Aus diesem Grund müssen sie auch tagsüber in eine wachende, schützende Position erstarren. Statt zu schlafen, simuliert der eine sogar, er sei verwundet, um die Besucher zu vertreiben. Sie sind also nichts als Angsthasen."

„Pah, Angsthasen. Bist du noch nie auf den Gedanken gekommen, dass er mit dieser Haltung die Touristen anzieht? Eins kann ich dir nämlich sagen: Wenn man nicht den ganzen Tag schläft, dann kann es zuweilen ziemlich langweilig werden. Die Gespräche der Menschen sind da eine willkommene Unterhaltung. Und außerdem könntest du etwas dankbarer sein, denn dieser Fritz Behn, der die beiden erschaffen hat, sorgt jede Nacht für unser Essen."

Das Wort Essen löste eine Erinnerung an meinen Traum aus; in meinem Mund sammelte sich der Speichel und vor meinem inneren Auge hüpften kleine, süße Gazellen. Schlagartig war die Müdigkeit verschwunden und ich richtete mich auf. „Stimmt", erwiderte ich, „Wo ist eigentlich diese Antilope von ihm, die tagsüber in der Nähe des Holstentors steht?"

 

***

Bilder

Teaserfoto & Foto 1–4: Ulrike Unger

Foto 5–7: MrsMyerDE (Behn Löwe links, Behn Löwe rechts, Behn Antilope CC BY-SA 3.0)