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Karlheinz Fingerhut
Kennst du Franz Kafka?

Was für ein komischer Kauz muss dieser Kafka wohl gewesen sein, dass kaum ein Lehrer so recht weiß, wie ihn vermitteln. Dabei ließen sich Kafkas Texte mit Träumen vergleichen, und die kennt doch jeder.
Karlheinz Fingerhut ermöglicht in diesem Buch einen leichteren Zugang zum Menschen Kafka und zu seinen teils verwirrenden Werken.

Sei mir gegrüßt, o klingender Frost

Sei mir gegrüßt, o klingender Frost

Die Zeilen stammen aus Emanuel Geibels Gedichtsammlung „Spätherbstblätter" aus dem Jahre 1877. Sie beschreiben nachmittägliches Treiben beim Schlittschuhlaufen auf einem See an einem frostigen Wintertag. Während zunächst ein Gesamteindruck der Menschen auf der Eisbahn entsteht, lenkt in der zweiten Strophe das Auge des lyrischen Ichs die Aufmerksamkeit auf eine Uferszene, die das zarte Werben eines jungen Mannes um ein junges Mädchen beschreibt. Das Beobachtete verleitet das lyrische Ich zu Tagträumereien und Sehnsuchtsgedanken, die in einer ersonnenen Schlittenfahrt mit Rast und Einkehr im warmen Forsthaus ausklingen.

Abendrot begrenzt zuletzt den Schauplatz und symbolisiert das Aufflammen der Liebe des Paares, die kontraststark gegen die Kälte des Winters steht.

Ulrike Unger

Emanuel Geibel

Sei mir gegrüßt, o klingender Frost

 

Sei mir gegrüßt, o klingender Frost, du bringst uns die Sonne
Wieder zurück; tiefklar wölbt sich das schimmernde Blau;
Siehe, da drängt sich die Jugend hinab zur spiegelnden Eisbahn,
Welche des Nordwinds Hauch über der Tiefe gebaut.
Auf der gediegenen Flut welch buntes Gewimmel! Es wiegt sich
Weithin kreisend die Schar auf dem beflügelten Stahl.
Wie sie sich suchen und fliehn! Hell flattern die Schleier der Mädchen,
Wo sich die Lieblichste zeigt, stürmen die Jünglinge nach.
Zaghaft, nahe dem Ufer versucht sich der Mindergeübte,
Doch in die Weite des Sees lockt es den Meister hinaus.

Über dem Spiegel von Eis am Hang lehnt sitzend ein schlankes
Mädchen, sie hat das Gewand eben zum Laufe geschürzt.
Vor ihr kniet dienstfertig ein Knab', und mit glücklichem Lächeln
Schnürt er den blanken Kothurn ihr an den zierlichen Fuß.
Welch anmutiges Bild, wie sie freundlich zu ihm sich herabneigt,
Daß ihr Odem das Haar sanft ihm, das lockige, streift,
Während er treu sich bemüht, kunstmäßig die Riemen zu schlingen,
Und den gehobenen Fuß fast mit den Lippen berührt.
Zögernd wend' ich mich ab und gedenk' im erinnernden Herzen,
Wie ich den reizenden Dienst einst Melusinen getan.

In das verschneite Gefild' mit stattlich befiederten Rappen
Fliegt, von Schellengeläut klingend, ein Schlitten hinaus.
Weithin blitzt das Metall des Geschirrs, und die Vliese der Pardel,
Prächtig mit Purpur gesäumt, blähn sich gehoben im Wind.
Aber die Jungfrau schmiegt an den Freund sich mit brennenden Wangen,
Der das erlesne Gespann kräftig und sicher beherrscht.
Eros flattert den Rossen voraus, und im gastlichen Forsthaus
Für das begünstigte Paar deckt er den Tisch am Kamin.

Kahl steht jeglicher Strauch, doch läßt uns der Winter die Rosen,
Die er der Erde geraubt, feurig am Himmel erblühn.
Sieh, welch seliger Glanz aus den lodernden Gärten herabströmt!
Über das silberne Feld flutet ein purpurner Duft,
Und der entblätterte Wald, vom Rauhreif zierlich umfiedert,
Glüht, in den Schimmer getaucht, rot wie Korallengeäst.

  

***

Aus: Emanuel Geibel: Werke. Bd. 2. Leipzig und Wien: 1918. S. 397–398.

Teaserbild: Auszug aus "skating scene" von Wext Roxbury von 1859, gemeinfrei.

Bild im Text: Gemälde von Hendrik Avercamp, gemeinfrei.

 

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